Freitag, 23. November 2012

Interview: Joachim Seidel

Lieber Herr Seidel, stellen Sie sich unseren Lesern bitte erst einmal vor. Wen hat man sich unter dem Namen Joachim Seidel vorzustellen?

Hallo erstmal, Herr Seidel lebt und arbeitet in Hamburg als Schriftsteller und freier Redakteur, ich bin also praktisch jeden Tag an der Textstanze.

„HimbeerToni“ ist Ihr erster Roman. Haben Sie früher schon einmal daran gedacht einen Roman zu schreiben? Hatten Sie vielleicht sogar schon einmal eine Idee, die Sie dann wieder verworfen haben?

Ich habe früher Drehbücher und auch Kolumnen für die Frankfurter Rundschau geschrieben. Das Genre Roman kam so um die Ecke geschlichen, und dann musste ich loslegen.


Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie erst mit 49 Jahren Ihren ersten Roman veröffentlicht haben?

Das gibt mir sicherlich so’ne Art Reife mit positiven Entwicklungen, aber auch mit derben Rückschlägen umzugehen, und die gab und gibt es natürlich ständig im Leben und logischerweise auch auf dem Weg zum jetzt vorliegenden „HimbeerToni“ zuhauf.

Wollten Sie auf jeden Fall einen humoristischen Roman schreiben?

Komisch ist mir lieber als Wort, aber wenn Humorist bedeutet Mitmenschen zum Lachen zu bringen, ist es vielleicht doch okay. Das komische Element war gleich zu Beginn ziemlich deutlich vorhanden. Irgendwie kann ich vielleicht gar nicht richtig ernst, doch, fast die gesamte Geburt ist ‚ne ernste Sache. Aber Spaß muss sein, und ich hab mich sogar noch beim Fahnenlesen kurz vor Drucklegung noch mal über „HimbeerToni“ beömmelt, weil ich es mit etwas Abstand zum Schreibprozess wirklich urkomisch fand. Und auch bei den Lesungen lacht nicht nur das Publikum, manchmal kann ich auch nicht anders als abzulachen.

Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen? Hatten Sie bestimmte Zeiten oder Rituale beim Schreiben?

Rituale gut und schön. Irgendwann anfangen, zwei, drei Stunden intensiv, dabei Rauchen klar, Kaffee trinken und wirklich losschreiben. Bloß nicht so viel drüber reden, besser ist immer tun, aber der Stoff muss reifen und aufgehen wie ‚n Hefekuchen, plappert man zu viel von seinen Ideen rum, geht die Magie schnell flöten. Gerade kriege ich ne SMS, dass mein Roman in der Nachtausgabe der Hamburger Morgenpost, also morgen auch noch, ne super Buch-Rezi abgedruckt ist. Wow, das freut mich aber wirklich, letzten Donnerstag in der GALA war schon krass – als Männer-Roman in der GALA als TopTipp, aber vielleicht isses ja doch nen Frauenbuch … wo waren wir stehengeblieben?

War es schwierig für Ihr Erstlingswerk einen Verlag zu finden?

Das kann man so sagen. Wie es sich gehört, habe ich ne Ablage voll mit Absagen gesammelt, aber das ist Schnee von gestern. Bin heilfroh dass „HimbeerToni“ jetzt losstartet.

Wie war es Ihren ersten Roman in der Hand zu halten?

Grandios, weil PIPER hat ‚nen Prägedruck spendiert. Also der Astra-Kronkorken vorne drauf ist richtig spürbar. So ne Buch-G-Punkt.

„HimbeerToni“ kann allein durch seinen Aufbau wohl als Hommage an die Musik verstanden werden. War es Ihnen wichtig, dass Musik einen großen Stellenwert im Roman hat?

Einfach deshalb, weil Musik in meinem Leben schon immer ‚ne Rolle gespielt hat – als Konsument und natürlich als Mucker in diversen Bands.
Die einzelnen Kapitel der beiden Roman-Teile (A- bzw. B-Seite) sind mit Liedtiteln aus zum Teil sehr unterschiedlichen Genres überschrieben.

Wie haben Sie diese Titel ausgewählt und welche Funktion sollen sie haben?

Die Kapitel-Songtitel sind rein intuitiv entstanden, z.B. den Elektrolurch von Guru Guru, kennt sicher kein Schwein mehr heute, aber zum Geburtshaus-Kapitel kam nur dieses Stück in Frage.

Anton Hornig hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Ihnen selbst: Er ist Mitglied in der Punk-Band Remo Smash, Sie in Remo Voor. Sie wohnen beide in Hamburg, sie haben denselben Beruf und haben beide in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht. Wie viel autobiografisches steckt in Ihrem Roman?

Okay ich hab zudem auch Kinder, aber das war’s dann auch, maximal 18 bis 23 Prozent sind irgendwie richtig authentisch, aber auch wieder nicht. Ich gehe eben durchs Leben, nehme Sachen auf und verbrate sie dann gnadenlos, bis der Affe genug Zucker hat. Das Leben an sich ist doch kein lustiger Ponyhof, sondern in aller Regel eher schnarch, und das will doch keiner so lesen. Ich jedenfalls nicht, jedenfalls nicht eine Autobio. Dass ich mit ‚nem Bier in der Hand altpunkspießermäßig im Kleingarten sitze, meine Gören ermahne, Würstchen brate und dabei auf ne Piratenfahne glotze, ist, aber damit möchte ich wirklich niemanden behelligen.

Der Satz im Anhang „Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden oder toten Personen sind nicht beabsichtigt.“ weist darauf hin, dass der Schluss nahe liegt. Wie sehr haben Sie sich beim Schreiben durch Geschehnisse in Ihrem Leben und dem Leben Bekannter anregen lassen?

Wie gesagt, das Leben spielt natürlich immer irgendwie leibhaftig mit, ich lebe ja nicht in ner Raumstation, aber auch das wäre eigentlich ne gute Ausgangssituation fürn Roman, aber es ist doch die pure Zuspitzung von eigentlich gewöhnlichen Geschehnissen, die bereitet doch erst Lesespaß, meine ich jedenfalls. Ich find, sagen wir mal, Goethes Faust, wenn ich mich an die Lektüre in der Schule recht erinnere, dreimal interessanter als das wahre Leben vom ollen Joethe-Dichterfürsten: Italienreise, jeden Tag schreiben in Weimar, na toll.

Ada zeigt Anton ziemlich wo es lang geht. Das hätte man von einem Punk eher nicht gedacht. Stellt Ihr Roman damit nicht die Altpunks bloß, indem er zeigt, dass sie eben doch nur von Außen hart, aber von Innen doch ganz weich sind?

Was heißt denn hart, Punkrocker oder Altpunk? Bei mir jedenfalls wird niemand bloßgestellt. Das sind doch alles ganz natürliche Lebensentwicklungen. Die meisten Kerle und Frauen, die ich kenne, die damals – vor über 30 Jahren – diese einzigartige Magie, Wut und geile Musik in sich gespürt haben, haben bis heute sich in ihrer Persönlichkeit was Subversives behalten, verstehste, was ich meine, die leben auch nen ganz normales Leben, sind vielleicht Altpunkspießer, aber kleine Kleinbürger, verstehste den Unterschied, ich meine, die haben auch Kids und Grippe, müssen Essen kaufen, verreisen, aber sie kriegen immer noch den Hass, wenn reaktionäres Pack, ob in Politik, Medien oder sonstwo sie tagtäglich verarschen will – und da machen wir – zumindest im Kopf – nicht mit. Scheiße im TV wird besser ausgeschaltet. Ich kann dabei aber nur für die 77/78er-Generation sprechen, die das Lebensgefühl damals regelrecht aufgesogen haben. Und auch da gibt’s Menschen, die konnten das nicht mehr leben später, weil der Druck auf sie zu groß geworden ist – irgendwann im Leben. Ich war damals in England, hab z. B. Siouxsie & the Banshees gesehen, und das hat die Lunte zum Glimmen gebracht. Für die erste Sex-Pistols-LP bin ich auf der Mofa 40 Kilometer weit gefahren, bloß um die Scheibe zu kriegen. Das ist PUNKROCK, natürlich hab ich dann auch gleich ne Band gehabt.

Im Roman stellen sie neben Toni auch die Probleme seiner ehemaligen Band-Mitglieder dar. Frauen kommen dagegen eher wenig vor und wenn dann häufig als zickige Alternative. Glauben Sie Frauen können an Ihrem Roman auch viel Komisches finden?

Die Frauen im Buch sind ganz schön stark, finde ich. Und bei den ersten Lesungen haben gerade die Frauen im Saal sich am meisten ausgeschüttet vor Lachen, sogar bei der Lesung im Geburtshaus Hamburg die Hebammen konnten sich kaum halten, während die Mens meist eher schmunzeln. Dabei haben doch seit Jahren beide Geschlechter voll das Rattennrennen im Job am Laufen. Und das kommt alles rüber, denke ich. Und die Hauptfigur macht letztlich eine echte Entwicklung durch, vom Romananfang als Loserweichei bis zum Ende hat sich bei ihm sehr viel verändert – im Denken und im Handeln, Altpunk bleibt er aber trotzdem und wird es wohl auch immer bleiben, auch wenn er nicht jeden Morgen mit Rasierklingen gurgelt und jeden Abend Pogo tanzt.

Sie spielen mit vielen Klischees. Glauben Sie, dass diese eine gute Grundlage für einen humoristischen Roman bieten?

Finde ich nicht. Ich spiele gerade nicht mit Klischees, ich reagiere geradezu allergisch auf Klischees wie sie Barth und Konsorten verbreiten.

Viele Lacher im Buch sind wohl auch dadurch garantiert, dass Sie die direkte Rede so niedergeschrieben habe, wie es die Protagonisten aussprechen. War es schwierig die verschiedenen Akzente schriftlich zu kreieren, so dass sie für den Leser trotzdem verständlich bleiben?

Nein, das ist der Sprech wie ich ihn kenne.

Obwohl das Buch ja eigentlich vom Erwachsenwerden großer Jungs handelt, haben Sie sich mit der Geschichte von Herrn Blümchen nicht doch eine Nische für den ewigen Traum großer Jungs nach dem Ausreißen in ein unbeschwertes Leben offen gelassen?

Also ich möchte nicht auf Borneo enden. Aber richtig ist auch, ich tue doch gar nichts anderes als immer wieder zu versuchen, ein unbeschwertes Leben zu führen, nur klappt es eben nicht. Und wer unbeschwertes Leben als „Aussteigen“ definiert, dem wünsche ich, dass er sein Glück findet, aber Glück bedeutet eines niemals: dickes Auto, dicke Hose, Haus bauen und 2 Wochen AI-Urlaub pro Jahr. Siehste, schon sind wir wieder beim Rattenrennen.

Welche Botschaft wollen sie mit dem Roman vermitteln?

Dass es sicherlich eine Art von Lebensglück gibt - und das kriegt man ja erfahrungsgemäß auch nur zeitweise geboten - und dass Lebensglück und Verantwortung übernehmen sich keineswegs ausschließen, gerade auch was das Thema Kinder in die Welt setzen betrifft. Kinder sind nämlich einfach klasse.

Wie geht es nun mit Ihrem Schriftstellersein weiter? Haben Sie vor weitere Romane zu schreiben, evtl. sogar einen Fortsetzungsroman über HimbeerToni? Oder könnten Sie sich vorstellen einmal in einem ganz anderen Genre zu schreiben?

Ich werde sicherlich schreiben, bis mir der Griffel aus der Hand fällt, was werden wir sehen, Theater, Drehbuch ist auch nett, aber alles braucht seine Zeit, und jetzt beginnt ja erstmal wieder die Freiluftsaison mit Chillen und Grillen, lecker Bierchen und WM-Gucken, außerdem startet mein Ältester leider gerade ne Fußi-Nachwuchskarriere in Hamburg, und das heißt für mich auch, fast jedes Wochenende an irgendwelchen norddeutschen Grandplätzen stehen und anfeuern… aber Bier gibt’s da ja vielleicht auch, wenn nebenan ne Herrenmannschaft spielt.

Herr Seidel, wir danken Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben.


Dieses Interview führte Sascha Kristin Futh am 23.03.2010 für Legimus. Alle Rechte vorbehalten.

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